Der europäische Vergabemarkt in gemessenen Zahlen.
Jede Aussage auf dieser Seite steht für sich: Gegenstand, Zahl, Methode und Erhebungsdatum in einem Satz. Sie ist zum Zitieren gedacht — auch einzeln, auch ohne den Rest der Seite. Was die Zahlen nicht belegen, steht am Ende unter Methodik. Der Bestand dahinter: die Datenseite.
1 · Umfang der Erhebung
Was zu diesem Zeitpunkt tatsächlich gezählt wurde — nicht, was der Markt insgesamt umfasst.
Am 21. August 2026 waren im Bestand von Friedrich & Clement 93.519 öffentliche Vergabeverfahren mit noch laufender Angebotsfrist erfasst. Sie verteilen sich auf 27 Länder und stammen aus 60 Quellportalen. (Eigene Erhebung, Zählung im eigenen Bestand.)
Von diesen 93.519 offenen Verfahren liegen 25.039 unterhalb der EU-Schwellenwerte und werden deshalb nicht auf TED veröffentlicht — 26,8 % des offenen Bestands. Sie stammen aus 16 Ländern, in denen wir unterschwellige Bekanntmachungen direkt an der nationalen Quelle lesen.
Der historische Bestand, aus dem diese Momentaufnahme stammt, umfasst 19,4 Mio. Bekanntmachungen seit 2002, davon 10,4 Mio. unterschwellige, sowie 13,7 Mio. Zuschläge mit namentlich genanntem Gewinner und 1,7 Mio. Unternehmen. Er wird aus 73 nationalen Vergabeportalen und TED zusammengetragen.
2 · Unterschwellige Vergaben in Deutschland
Der Teil des Marktes, der keiner EU-weiten Bekanntmachungspflicht unterliegt und deshalb in keinem europäischen Register vollständig geführt wird.
In Deutschland waren am 21. August 2026 insgesamt 5.472 unterschwellige Vergabeverfahren offen, die nicht auf TED veröffentlicht werden. Sie verteilen sich auf 8 Portalfamilien. Das sind 20,6 % aller 26.506 zu diesem Zeitpunkt in Deutschland offenen Verfahren. (Eigene Erhebung aus 73 Quellportalen.)
Die Aufteilung der 5.472 offenen unterschwelligen Verfahren in Deutschland nach Portalfamilie am 21. August 2026:
| Portalfamilie | Offene Verfahren | Anteil |
|---|---|---|
| cosinex-Vergabemarktplätze (DTVP, Brandenburg, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern) | 2.314 | 42,3 % |
| service.bund.de | 1.307 | 23,9 % |
| evergabe.NRW | 524 | 9,6 % |
| oeffentlichevergabe.de | 494 | 9 % |
| meinauftrag.rib.de (Berlin, Bayern Staatsbau, GMSH Schleswig-Holstein, Kommunen) | 385 | 7 % |
| HAD — Hessische Ausschreibungsdatenbank | 265 | 4,8 % |
| AI Vergabeplattform (Sachsen, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Saarland) | 95 | 1,7 % |
| evergabe-online.de (Thüringen) | 88 | 1,6 % |
Ein Vergabeverfahren gilt als unterschwellig, wenn sein geschätzter Auftragswert unter den EU-Schwellenwerten liegt. Seit dem 1. Januar 2026 betragen diese für klassische öffentliche Auftraggeber 5.404.000 € bei Bauaufträgen, 216.000 € bei Liefer- und Dienstleistungsaufträgen und 140.000 €, wenn eine oberste Bundesbehörde beschafft; für Sektorenauftraggeber 432.000 € und für soziale und besondere Dienstleistungen 750.000 €. Alle Werte sind Nettobeträge ohne Umsatzsteuer und werden alle zwei Jahre neu festgesetzt.
Unterhalb dieser Werte besteht keine EU-weite Bekanntmachungspflicht. Solche Verfahren erscheinen nicht auf TED, sondern — soweit sie überhaupt öffentlich bekannt gemacht werden — auf nationalen, Länder- oder kommunalen Portalen.
Deutschland ist damit am 21. August 2026 das Land mit den meisten offenen unterschwelligen Verfahren im Bestand. Die vollständige Rangfolge der 16 Länder, in denen wir unterschwellig lesen:
| Land | Offene unterschwellige Verfahren |
|---|---|
| Deutschland | 5.472 |
| Spanien | 4.476 |
| Griechenland | 3.839 |
| Polen | 3.561 |
| Frankreich | 3.492 |
| Belgien | 1.244 |
| Italien | 909 |
| Bulgarien | 421 |
| Finnland | 363 |
| Estland | 272 |
| Lettland | 254 |
| Niederlande | 188 |
| Slowakei | 182 |
| Ungarn | 182 |
| Irland | 113 |
| Rumänien | 71 |
3 · Bieterfenster je Land
Die Zeit zwischen Veröffentlichung einer Bekanntmachung und Ablauf der Angebotsfrist — die Zahl, die entscheidet, ob ein Angebot überhaupt zu schreiben ist.
Die Zeit zwischen Veröffentlichung und Angebotsfrist unterscheidet sich zwischen den EU-Ländern um mehr als das Vierfache: Der Median liegt in Polen bei 18 Tagen und in den Niederlanden bei 73 Tagen. Gemessen an 82.305 offenen Verfahren mit Veröffentlichungsdatum und Frist, Erhebung vom 21. August 2026.
Deutschland liegt mit einem Median von 33 Tagen im Mittelfeld; die Hälfte der deutschen Verfahren liegt zwischen 30 und 39 Tagen.
Median und Quartilsabstand des Bieterfensters je Land, in Tagen, gemessen an den offenen Verfahren mit Veröffentlichungsdatum und Frist:
| Land | Median (Tage) | Unteres Quartil | Oberes Quartil | Verfahren |
|---|---|---|---|---|
| Polen | 18 | 15 | 32 | 7.860 |
| Griechenland | 19 | 8 | 37 | 5.673 |
| Portugal | 28 | 28 | 32 | 623 |
| Lettland | 29 | 18 | 32 | 1.157 |
| Slowakei | 29 | 19 | 33 | 652 |
| Ungarn | 29 | 20 | 33 | 764 |
| Bulgarien | 30 | 22 | 34 | 1.825 |
| Kroatien | 30 | 22 | 34 | 501 |
| Estland | 31 | 19 | 36 | 729 |
| Spanien | 31 | 21 | 42 | 8.502 |
| Irland | 31 | 28 | 35 | 569 |
| Slowenien | 31 | 28 | 34 | 367 |
| Österreich | 33 | 29 | 39 | 382 |
| Deutschland | 33 | 30 | 39 | 20.544 |
| Tschechien | 33 | 30 | 35 | 1.380 |
| Litauen | 34 | 31 | 35 | 539 |
| Finnland | 35 | 28 | 60 | 675 |
| Rumänien | 35 | 32 | 39 | 1.847 |
| Italien | 42 | 34 | 53 | 4.913 |
| Dänemark | 44 | 32 | 60 | 314 |
| Belgien | 46 | 34 | 61 | 3.317 |
| Frankreich | 51 | 40 | 62 | 15.092 |
| Schweden | 54 | 32 | 69 | 1.026 |
| Niederlande | 73 | 56 | 90 | 3.054 |
Diese Mediane sind an den derzeit offenen Verfahren gemessen, nicht an allen jemals veröffentlichten. Eine Momentaufnahme offener Verfahren enthält lange Fristen systematisch häufiger als kurze, weil ein Verfahren mit 90 Tagen Frist dreimal so lange sichtbar ist wie eines mit 30 Tagen. Die Werte sind daher als obere Schätzung der tatsächlichen Fristlänge zu lesen; der Vergleich zwischen den Ländern bleibt davon unberührt, weil der Effekt alle Länder gleichermaßen trifft. Verfahren mit mehr als 200 Tagen Fenster sind ausgeschlossen — das sind Rahmenvereinbarungen und dynamische Beschaffungssysteme, keine Einzelausschreibungen.
4 · Verteilung der Angebotsfristen über die Wochentage
Wann Fristen tatsächlich ablaufen — und wie ungleich sich das über die Woche verteilt.
Montag ist der häufigste Fristtag im europäischen Vergabewesen: 28,8 % aller 93.685 offenen Verfahren enden an einem Montag, gegenüber 20 % bei Gleichverteilung über die Werktage. Erhebung vom 21. August 2026.
96,9 % aller Fristen fallen auf einen Werktag von Montag bis Freitag; auf Samstag und Sonntag zusammen entfallen 3,1 %.
| Fristtag | Offene Verfahren | Anteil |
|---|---|---|
| Montag | 26.965 | 28,8 % |
| Dienstag | 19.348 | 20,7 % |
| Mittwoch | 13.528 | 14,4 % |
| Donnerstag | 14.347 | 15,3 % |
| Freitag | 16.606 | 17,7 % |
| Samstag | 1.441 | 1,5 % |
| Sonntag | 1.450 | 1,5 % |
Von den 93.685 offenen Verfahren tragen 53.792 eine echte Uhrzeit im Fristfeld (57,4 %); bei den übrigen ist keine Uhrzeit erfasst. Von den Verfahren mit Uhrzeit endet die Frist bei 30.430 vor 12 Uhr — 56,6 %. Der Anteil ist ausschließlich an Verfahren mit erfasster Uhrzeit gerechnet; ohne diese Einschränkung wären die Verfahren ohne Zeitangabe als Mitternacht in den Nenner geraten und hätten die Zahl verzerrt.
5 · Nachfrage nach Managementsystem-Zertifikaten
In wie vielen offenen Verfahren ein bestimmtes Zertifikat als Eignungsnachweis verlangt wird.
ISO 9001 ist das am häufigsten verlangte Zertifikat: Am 21. August 2026 forderten 1.427 offene Vergabeverfahren in Europa einen Nachweis nach ISO 9001, davon 395 in Deutschland. Bezugsgröße sind die 36.768 offenen Verfahren, für die strukturierte Eignungskriterien vorliegen — nicht alle offenen Verfahren.
ISO 14001 (Umweltmanagement) wird in 638 offenen Verfahren verlangt, ISO 27001 (Informationssicherheit) in 58. Bemerkenswert an der letzten Zahl ist ihre Verteilung: 40 der 58 Verfahren, die ISO 27001 verlangen, sind deutsche — 69 %, bei einem deutschen Anteil von 28,3 % am offenen Bestand insgesamt.
| Zertifikat | Offene Verfahren (Europa) | davon Deutschland | Anteil an Verfahren mit Kriterien |
|---|---|---|---|
| ISO 9001 | 1.427 | 395 | 3,9 % |
| ISO 14001 | 638 | 102 | 1,7 % |
| ISO 27001 | 58 | 40 | 0,2 % |
| ISO 45001 | 18 | 6 | 0 % |
| SCC | 1 | 1 | 0 % |
| EMAS | 569 | 61 | 1,5 % |
Bezugsgröße dieser Zahlen sind die 36.768 offenen Verfahren, für die strukturierte Eignungskriterien vorliegen — nicht die 93.519 offenen Verfahren insgesamt. Strukturierte Kriterien liefert im Wesentlichen TED; für unterschwellige Verfahren stehen sie überwiegend nicht zur Verfügung. Die genannten Zahlen sind deshalb Untergrenzen der tatsächlichen Nachfrage: ein Zertifikat, das im Fließtext einer Bekanntmachung verlangt wird, ohne dass ein strukturiertes Kriterium hinterlegt ist, wird hier nicht gezählt.
6 · Methodik — und was diese Zahlen nicht bedeuten
Eine Zahl ohne ihre Grenzen ist eine Behauptung. Hier stehen beide.
Wie gemessen wird
- Zählung, keine Hochrechnung. Jede Zahl auf dieser Seite ist eine Auszählung im eigenen Bestand. Es wird nichts geschätzt, extrapoliert oder aus Stichproben hochgerechnet.
- Zwei Erhebungszeitpunkte. Bestandszahlen (Abschnitte 1 und 2) werden beim Aufruf der Seite gezählt und stündlich erneuert; Marktmuster (Abschnitte 3 bis 5) stammen aus einer nächtlichen Messung. Beide Zeitpunkte stehen unter jeder Aussage.
- Gelesen wird ein Lesemodell, nie die Schreibtabellen. Die Seite fragt ein nächtlich neu gebautes Aggregat ab. Weil zwischen zwei Neubauten Fristen ablaufen, filtert jede Abfrage zusätzlich auf eine Frist in der Zukunft — abgelaufene Verfahren zählen nicht mit.
- „Offen“ heißt: Angebotsfrist noch nicht abgelaufen. Verfahren ohne erfasste Frist sind in keiner Zahl dieser Seite enthalten.
- Unterschwellig heißt: so gekennzeichnet oder so klassifiziert. Bei Deutschland, Polen und den Niederlanden stammt das Merkmal aus der Rechtsgrundlage beziehungsweise dem Verfahrensregime der Quelle (UVgO, VOB/A,isBelowEU, europees) — dort ist es eine Angabe des Auftraggebers, keine Rechnung von uns. Bei Italien, Spanien, Estland und der Slowakei wird der geschätzte Auftragswert gegen die EU-Schwellenwerte gerechnet. Verfahren ohne Wertangabe bleiben ungekennzeichnet und zählen weder in die eine noch in die andere Richtung.
Was diese Zahlen nicht bedeuten
- Sie sind Untergrenzen, keine Vollerhebung des Marktes. Für unterschwellige Vergaben gibt es in keinem Mitgliedstaat ein vollständiges zentrales Register. Kommunen dürfen auf Portalen bekannt machen, die wir nicht lesen, oder — je nach Wertgrenze und Landesrecht — gar nicht öffentlich bekannt machen. Die 5.472 deutschen Verfahren sind das, was am 21. August 2026 auf 8 lesbaren Portalfamilien tatsächlich stand. Der wahre Wert ist höher, um wie viel ist unbekannt.
- Zwei Bundesländer fehlen als eigene Quelle. Für Hamburg und Sachsen-Anhalt ist bislang kein maschinell lesbares Portal erschlossen. Verfahren aus diesen Ländern erscheinen nur, soweit ihre Auftraggeber über eines der bundesweiten Portale bekannt machen.
- Eine bekannte Abweichung bei der Wertklassifizierung. Die wertbasierte Einstufung für Italien, Spanien, Estland und die Slowakei rechnet derzeit noch gegen die bis zum 31. Dezember 2025 gültigen Schwellenwerte (5.538.000 € beziehungsweise 221.000 €). Betroffen ist allein das Band zwischen altem und neuem Wert. Am 21. August 2026 lagen 0 offene Verfahren in diesem Band — 0 % aller als unterschwellig gekennzeichneten offenen Verfahren. Die deutschen Zahlen sind nicht betroffen, weil dort das Verfahrensregime und nicht der Wert entscheidet.
- Nichts hiervon ist eine Aussage über Auftragsvolumen. Gezählt werden Verfahren, nicht Euro. Ein unterschwelliges Verfahren und eine Milliardenausschreibung zählen hier gleich.
- Momentaufnahmen sind nicht dasselbe wie Jahresdurchschnitte. Wer aus dem Bestand offener Verfahren auf Jahresmengen schließt, muss die unterschiedliche Sichtbarkeitsdauer berücksichtigen — siehe die Einschränkung unter Abschnitt 3.
- Keine Kausalität. Unterschiede zwischen Ländern beschreiben, was gemessen wurde. Sie erklären nicht, warum.
Zitierweise
Friedrich & Clement, Fakten zur öffentlichen Beschaffung in Europa, Erhebung vom 21. August 2026, https://friedrich-clement.com/fakten. Bei Übernahme einzelner Zahlen bitte das Erhebungsdatum mitführen — der Bestand offener Verfahren ändert sich täglich.
Vollständige Methodik der Datenerhebung: /methodology. Der Bestand: /data. Rückfragen und Datenpartnerschaften: /developers.